Die Geschichte der Anke B.

Der nächste Fall gehört einer ganz anderen Kategorie an. Anke B. kam nicht als Patientin zu mir. Sie hätte gewiß niemals einen Psychiater oder Sexualberater nötig gehabt. Dazu war sie in ihrer ganzen Persönlichkeit zu selbstbewußt und zu sehr gefestigt. Wir begegneten einander auf einer Party bei gemeinsamen Bekannten. Die große Frau mit den blauen Augen, dem energischen Kinn unter einem fein geschwungenen und doch irgendwie herben Mund war mir sofort aufgefallen. Sie trug das dunkle Haar schulterlang und offen. Peter, unser Gastgeber, stellte mich vor.

"Nimm dich vor ihm in acht, Anke, er stellt oft so merkwürdige Fragen und ist manchmal schrecklich neugierig", sagte er dabei, hieb mir lachend auf die Schulter und verschwand.

Ich tanzte mit Anke. Wir fanden Gefallen aneinander, schon deshalb, weil wir im Tanz großartig aufeinander abgestimmt schienen. Ich bin, weiß Gott, kein großer Tänzer vor dem Herrn. Mit Anke ging es einfach wie von selbst. Bei einer Samba, die leider so sehr aus der Mode gekommen ist, waren wir so ineinander versunken, daß wir unsere Umgebung nicht mehr wahrnahmen. Wir erwachten erst, als mit dem Ende der Musik lautes Beifallklatschen einsetzte. Die übrigen Paare hatten zu tanzen aufgehört und unserer Samba wie einer Schaunummer zugeschaut.

An der Hausbar ließ Anke ihren prüfenden Blick, den ich später noch so gut kennenlernen sollte, eine Weile auf mir ruhen. Wir hatten, wie auf solchen Partys üblich, nach dem zweiten Drink an der Hausbar zum freundschaftlichen Du gefunden. Ohne Zeremoniell und Bruderkuß. Wie man das heutzutage eben so hält.

"Was hat Peter denn vorhin gemeint", begann sie schließlich und nippte nachdenklich an ihrem Martini, "inwiefern bist du schrecklich neugierig? Für einen Journalisten gebe ich doch wohl kein geeignetes Interviewobjekt ab, obwohl ich schon mal in der Zeitung gestanden habe. Damals, als ich meine Möbel-Boutique aufmachte. Journalist bist du doch wohl nicht?"

Das konnte ich mit gutem Gewissen verneinen. Sehr vorsichtig - wieso hatte ich eigentlich plötzlich Hemmungen? - und umständlich setzte ich ihr auseinander, daß ich mich als Eheberater und Sexualforscher betätige. Und meine Neugierde - nun, ja - bei sehr guten Bekannten erlaubte ich mir schon mal die Frage: 'Wie war es bei dir, damals, beim ersten Mal?'

"Ach so", meinte Anke nur und zog mich vom Barhocker, weil die Musik wieder etwas Südamerikanisches spielte.

Als wir von der Tanzfläche zurückkehrten, trat uns eine Frau in den Weg, die ich bis dahin überhaupt nicht wahrgenommen hatte. Sie war älter als Anke, gleichfalls hochgewachsen, künstlich erblondet, aber sehr gepflegt. In ihrem Blick lag ein leiser Vorwurf.

"So wie heute hast du mich aber lange nicht mehr vernachlässigt", sagte sie. Ich merkte ihr an, daß sie eine gewisse Erregung unterdrücken mußte. "Hier, ich habe dir deinen Lieblingscocktail gemixt."

Sie hielt Anke ein hohes Glas mit gezuckertem Rand entgegen. Von mir schien sie keinerlei Notiz zu nehmen zu wollen. Also verbeugte ich mich artig und ließ die beiden Damen allein.

Ich konnte nicht umhin, Anke im weiteren Verlauf des Abends zu beobachten. Sie tanzte nicht mehr. Die blonde Frau wich ihr nicht von der Seite. Auf einmal waren die beiden verschwunden.

Schade, dachte ich und ging in den Wintergarten hinaus, um in Ruhe eine Zigarette zu rauchen. Hinter einer Gruppe aus Palmenkübeln sah ich plötzlich Ankes dunklen Haarschopf. Daneben schimmerte das helle Blond eines zweiten Frauenkopfes. Die beiden schienen in ein ernsthaftes Gespräch vertieft. Leise zog ich mich zurück.

Peter war schon ziemlich beschwipst, als ich ihn endlich mal allein zu fassen bekam.

"So, so - die schöne Anke hat dich tief beeindruckt?" grinste er mich auf meine Frage hin an, was es denn mit dem plötzlichen Verschwinden meiner Tänzerin auf sich habe. "Hat dich deine Beobachtungsgabe im Stich gelassen? Bist du verliebt und deshalb blind? Die beiden, Anke und ihre sogenannte Geschäftsführerin, sind doch seit Jahren ein Paar. Jeder in unserem Bekanntenkreis weiß das. Wenn du dir Hoffnungen gemacht hast, gib sie auf, mein Lieber. Unsere schöne Schwarzhaarige ist hoffnungslos lesbisch..."

Nun, von verliebt sein konnte ich nicht gerade reden. Immerhin mußte ich mir eingestehen, schon seit langem keine so faszinierende Frau gesehen zu haben wie Anke B. Lesbisch also? Nun gut - meinetwegen... Schade, eigentlich hätte ich doch vorhin meine berühmt-berüchtigte Frage gleich stellen sollen...

"So in Gedanken versunken?" sagte eine Stimme von leicht sprödem Klang neben mir. Ich setzte mein Whiskyglas auf die Hausbar und schaute in Ankes helle Augen, die merkwürdig stählern funkelten.

"Um in Gedanken versunken zu sein, bin ich wohl nicht mehr nüchtern genug", gab ich möglichst unbefangen zurück. "Vielleicht, um ehrlich zu sein, fehlt mir die großartige Tänzerin, die mich vergessen läßt, daß ich eigentlich gar nicht tanzen kann."

"Dem ist abzuhelfen", lachte Anke und zog mich in die Diele hinaus, wo nur noch wenige Paare tanzten. Wir sprachen kein einziges Wort, bis die Musik verstummte.

"Wo hast du denn deine Freundin gelassen?" Diese Frage konnte ich mir auf dem Rückweg zur Hausbar einfach nicht verkneifen.

"Also doch ein neugieriger Frager", lachte Anke. "Ganz einfach, ich habe sie heimgeschickt. Sie war müde, hatte Kopfschmerzen und macht sich sowieso wenig aus dem Trubel solcher Parties. Ich eigentlich auch nicht. Als Innenarchitektin muß ich mich hin und wieder in der sogenannten Gesellschaft sehen lassen. Das ist gut fürs Geschäft. Natürlich mault Gertrud jetzt - aber so weit geht die Liebe nicht, daß ich mir Vorschriften machen ließe."

"Liebe also?" hakte ich sofort ein.

"Ja, und zwar lesbische, wenn du es so genau wissen willst. Wir leben zusammen."

Das war eine einfache und glasklare Feststellung, fast mit ein wenig Feindseligkeit hervorgestoßen, so als müsse sich die Sprecherin gegen etwas verteidigen.

Wir nahmen uns einen neuen Drink und schwiegen vor uns hin.

"Warum fragst du mich nicht?" begann Anke schließlich und setzte mit hartem Knall ihr Glas ab.

"Was soll ich dich fragen? Ob du mit mir ins Bett gehen willst? Ich bin nicht ganz so dumm, wie ich vielleicht aussehe."

"Quatsch, wer redet vom Bett!" Anke nahm sich eine Zigarette. Ich gab ihr Feuer. Sie rauchte ein paar hastige Züge. Ihr Blick glitt prüfend über mich.

"Wenn du ihm nur nicht so verdammt ähnlich sehen würdest - diesem Schwein", fauchte sie mich an. Sofort legte sie begütigend ihre Hand auf meinen Unterarm. "Entschuldige, ich bin etwas durcheinander. Als du hereinkamst, wollte ich spornstreichs zur anderen Tür hinaus verschwinden. Dann erkannte ich meinen Irrtum. Du siehst ihm ähnlich - und wiederum nicht. Du bist männlicher, nicht so ein weicher Lappen..."

"Du redest in Rätseln, schönes Kind", warf ich ein. "Und Rätsel mag ich nicht, jedenfalls nicht um zwei Uhr früh kurz vor Auflösung einer Party. Welchem Schwein sehe ich ähnlich?"

Sie rauchte wieder ein paar hastige Züge und drückte die Zigarette aus, als wolle sie etwas töten.

"Meinem Mann siehst du ähnlich. Das ist es. Ähnlich und wiederum auch nicht. Warum fragst du mich nicht?"

"Was denn, verdammt noch mal?"

"Na, was Peter vorhin andeutete. Du bist doch Sexualforscher, nicht wahr? Du sammelst doch Fälle? Ich bin einer. Das kannst du mir glauben. Und ich wäre gerade in der richtigen Stimmung, mir mal alles von der Seele zu reden. Bist du bereit zu lauschen - Herr Doktor und Seelenmasseur?"

"Natürlich bin ich bereit zu lauschen. Aber - hier?"

Zehn Minuten später saßen wir im Wagen und befanden uns auf dem Wege zu meiner Wohnung. Kurioses Mädchen, diese Anke. Sie hatte sich in die Ecke an der Wagentür gedrückt, als wäre ihr die Nähe eines Mannes zuwider. Freilich, wenn ich ihrem Mann, dem Schwein, so ähnlich sah...

Anke gehörte also zu den zwanzig Prozent der lesbischen Frauen, die es nach Alfred Kinseys Forschungen unter der weiblichen Bevölkerung der Vereinigten Staaten gibt. Genauer gesagt, zu den Frauen, die irgendwann einmal in ihrem Leben lesbische Beziehungen gehabt haben. Seine Forschungen liegen um Jahrzehnte zurück und gelten durch neuere Belege als überholt. Denn etwas später, bei Dr. G. Hamilton, bekannten von hundert befragten Frauen genau fünfundzwanzig, irgendwann mit Frauen sexuell verkehrt zu haben. Zu fast dem gleichen Ergebnis kam der Yankowski-Report. Er deckt sich mit den Angaben über das sexuelle Verhalten der deutschen Frauen, die in neuester Zeit von deutschen Forschern, zum Teil im Auftrage von Zeitschriften, ermittelt worden sind. Demnach gibt es in der Bundesrepublik Deutschland zwischen fünfhunderttausend und achthunderttausend Frauen, die entweder ganz oder über wesentliche Zeiträume ihres sexuell aktiven Lebens ihre Erfüllung beim gleichen Geschlecht gesucht und gefunden haben.

"Darf ich davon ausgehen, daß du in deiner jetzigen Lage nicht sehr glücklich bist?" nahm ich das Gespräch wieder auf, nachdem ich uns bei mir einen kräftigen Kaffee gebraut hatte.

"Doch, ich bin glücklich - jedenfalls glücklicher als jemals zuvor", erklärte Anke. Sie sah zu, wie ich das Tonbandgerät herbeiholte und in Betrieb setzte. "Glücklich durchaus - in dem Sinne etwa, daß mir nichts fehlt, daß ich nichts vermisse. Nur manchmal habe ich das Gefühl, daß ich noch nicht ganz frei bin von meiner Vergangenheit, der mit den Männern, meine ich."

"Es hat also Männer gegeben - nicht nur den einen, dem ich so fatal ähnlich sehe?"

"Wenige - na, immerhin einige. Ich war nicht von Beginn an eine Lesbierin. Im Gegenteil, wer mir vor zehn, fünfzehn Jahren vorausgesagt hätte, daß ich einmal so herum werden würde, dem hätte ich ins Gesicht gelacht. O nein, ich glaube mir schmeicheln zu dürfen, daß ich eine vorzügliche Ehefrau und Geliebte gewesen bin. Aber die Männer - pfui Teufel! Willst du nun meine Geschichte hören oder nicht?"

Ich nickte. Anke holte tief Luft - und hielt inne. Das Telefon schrillte. Mit einer gemurmelten Entschuldigung ging ich an den Apparat und meldete mich.

"Kann ich - ich möchte - holen sie mir Anke ans Telefon", sagte am anderen Ende der leitung eine schrille Frauenstimme, der man deutlich anmerkte, daß sie von Tränen verschleiert war.

"Für dich", sagte ich und hielt Anke den Hörer hin. Sie war bereits aufgestanden, als habe sie diesen Anruf erwartet. Sie lauschte eine Weile in den Hörer und sagte dann hart: "Nimm dich gefälligst zusammen, Gertrud. Nein, du brauchst dir keine Sorgen zu machen... nein, ich werde nicht mit ihm ins Bett gehen... aber du mußt verstehen... ach, laß mich in Ruhe, leg dich hin und warte auf mich... ja, ich komme bald." Mit einem Ruck warf sie den Hörer auf die Gabel und kehrte auf ihren Platz zurück. Sie hatte den Sessel jenseits des kleinen Tisches möglichst weit weg von mir, gewählt. Zwischen uns stand das Tonbandgerät. Es wirkte wie eine spanische Wand.

"Gertrud hat Angst, ich könnte rückfällig werden", meinte sie, als ich sie nur schweigend ansah. "Zweimal hat sie das mitgemacht, die Gute. Ich lasse mich nun einmal nicht am Gängelband führen. Man bricht nicht aus einer Bindung aus, nur um seine Freiheit in einer anderen erneut zu opfern. Wo waren wir stehengeblieben?"

"Du wolltest meine Sammlung von Fallgeschichten um eine weitere bereichern..."

Ich deutete auf das Gerät, dessen große Spulen sich langsam drehten.

"Ob es eine Bereicherung wird? Mir würde es wahrscheinlich helfen, wenn ich meine Vergangenheit dieser Maschine anvertraue. Damit ich mich endlich ganz davon lösen kann..."

Hier sei wiedergegeben, was nach Auswertung des Tonbandes jener Nacht als Zusammenfassung übrig blieb:

"Ich stamme aus einer ostpreußischen Beamtenfamilie. Das heißt strenge Erziehung, Pflichtgefühl, patriarchalisches Familienleben. Vater war der unumschränkte Herrscher im Haus. Nach ihm richtet sich alles. Das heißt, so glaubte er. In Wirklichkeit beherrschte meine stille, bescheidene, unterwürfige Mutter das Feld und die Familie. Offenen Widerspruch gegen Vater gab es bei ihr nie. Schon gar nicht in Gegenwart von uns drei Kindern. Ich war die Älteste. Deshalb wurden an mir alle Erziehungsfehler begangen, die man nur begehen kann. Vater war ein in die Beamtenlaufbahn übernommener sogenannter Zwölfender. Er hatte zwölf oder mehr Jahre beim Militär gedient. Ich bewunderte ihn sehr. Bis ich im Alter von zwölf oder vierzehn Jahren herausfand, daß dieser Held, der sich diverser Orden rühmte, den größten Teil seiner Soldatenzeit auf einer Schreibstube und in der Verwaltung zugebracht hatte. Wir wissen inzwischen alle, daß das immer die zackigsten Soldaten gewesen sind. Vor allen Dingen nach ihrer Dienstzeit. Vater war Vorsitzender in irgendeinem Soldatenverein - na ja, aber das gehört nicht unbedingt hierher. Wollte damit nur das Milieu andeuten. Vorbild war und blieb die kaiserliche Familie längst vergangener Zeiten. Einschließlich all ihrer Verlogenheit und Abkehr von der Wirklichkeit des Alltags.

Sexuelles war natürlich verpönt. Aufklärung fand nicht statt. Sonntags zog die Familie geschlossen in militärischer Ordnung zum Gottesdienst. Vater ging hinterher zum Frühschoppen. Kam dann meistens angesäuselt und sehr fröhlich heim. Natürlich blieb der hellhörigen Heranwachsenden nicht verborgen, daß nach dem Mittagessen, wenn Vater und Mutter sich zum Schläfchen zurückzogen, im elterlichen Schlafzimmer nicht sofort geschlafen wurde.

Dienstags und freitags war bei Vater Geschlechtstag, und am Sonntagmittag, versteht sich. An zwei weiteren Abenden der Woche war er außer haus. Soldatenverein und Kegelabend. Alles streng geregelt. Preußisch, genau nach Plan.

Ich durfte nicht bis zum Abitur auf der Schule bleiben, obwohl ich Klassenbeste war. Lernen machte mir Spaß. Vaters große Liebe und alle seine Hoffnung war mein Bruder Kurt, sein einziger Junge. Er hat das Abi nicht geschafft. Wir beiden Mädchen durften es nicht machen. Mädchen waren irgendwie minderwertiges Gesocks und das Geld nicht wert, das man in ihre Ausbildung steckte.

Dieser Minderwertigkeitskomplex wurde später im Beruf, ich lernte zunächst bei einer Bank, fröhlich weiter gezüchtet.

Mit neunzehn Jahren sollte ich verlobt werden. Mit dem Sohn eines Freundes meines Vaters. Der junge Mann war natürlich Soldat. Unteroffizier oder irgend so etwas Hohes. Wir wurden anläßlich eines Familienfestes zusammengeführt und konnten einander vom ersten Augenblick an nicht ausstehen. Erich löste das Problem dadurch, daß er sich kurzerhand mit dem Mädchen verlobte, mit dem er längst befreundet gewesen war.

Ich war mal wieder das schwarze Schaf. Nicht gut genug für den Freundessohn, den strammen Soldaten. Von da an habe ich meinen Vater für eine Weile aus den Augen verloren. Ich ging inzwischen auf die Einundzwanzig los und war nicht gewillt, mir länger Vorschriften im Kommißton machen zu lassen.

Vater hielt mich für völlig von den 'Flausen' verdorben, die man den jungen Leuten in den Kopf setzte, um sie dem bewährten Althergebrachten abspenstig zu machen.

Krieg, Flucht, Zusammenbruch will ich übergehen. Das alles hatte auf meine spätere Entwicklung keinen Einfluß. Daß ich wurde, wie ich heute bin, habe ich meinem Mann zu verdanken - oder besser zu verzeihen, wenn das möglich ist.

Albert trat in mein Leben, als ich meine erste richtige Stellung hatte. Meine Lehre und die Prüfung hatte ich mit Glanz hinter mich gebracht. Und ich war immer noch Jungfrau. Die jungen Männer mochten vermutlich meine berufliche Überlegenheit nicht. Ältere versuchten öfter, sich an mich heranzumachen. In der Bank hieß ich bald der 'Eisberg'. Ich war völlig unerotisch. Gefühle in der Gegend abwärts vom Nabel kannte ich überhaupt nicht.

Bis Albert kam. Er war ganz anders als mein Vater, anders als alle jungen und älteren Männer, die ich bis dahin erlebt hatte. Platonisch natürlich. Er war liebenswürdig, nett, weich und zärtlich. Er entstammte einer alten Bremer Patrizierfamilie, war einziger Sohn und letzter Nachkomme eines einst mächtigen Geschlechts von Seefahrern und Handelsherrn. Der Familie war aus dieser Zeit nicht mehr viel übrig geblieben als die Beteiligung an einer Firma, die sich mit Importen mehr schlecht als recht über Wasser hielt. Albert war Bankkaufmann wie ich. Wie bei mir der Vater, hatte bislang seine Mutter weitgehend sein Leben bestimmt.

Ich war Alberts erstes Mädchen. Himmel, wie ungeschickt und blöd haben wir uns beide angestellt, als wir nach der Verlobung den ersten Koitus versuchten. Erst beim dritten Male gelang es Albert, mich zu entjungfern. Es machte mir wenig Spaß, ihm anscheinend auch nicht.

Hochzeit, Ausscheiden aus dem Beruf, Hausfrau spielen. Die Umstellung fiel mir schwer. Was mir noch schwerer fiel, war das Eingehen auf Alberts Absonderlichkeiten. Nach der Hochzeit in - wie er meinte - sein Eigentum übergegangen, lernte ich bald, daß hinter dem zärtlichen, weichen Jungen ein Waschlappen höchster Güte steckte. Bei der geringsten Meinungsverschiedenheit konnte er in Tränen ausbrechen. Insgeheim sehnte ich mich bald nach der harten Männermanier meines Vaters zurück.

Schlimmer aber war, daß ich bald entdecken mußte, wie - na, sagen wir mal - abartig Albert auf sexuellem Gebiet war. Er sammelte Pornohefte, wie andere Leute Briefmarken sammeln. Mich rührte er nach den ersten stürmischen Wochen oft tagelang nicht an. Obwohl ich gleich beim zweiten Verkehr einen herrlichen Orgasmus erlebte und auf mehr erpicht war. Ich fand bald heraus, daß mein Albert viel mehr Spaß am Onanieren fand, als am richtigen Verkehr mit mir.

Mein eingeimpftes preußisches Pflichtgefühl zwang mich dazu, was er mir abzwang. So kam es bald dahin, daß er mich zwar im Bett befriedigte. Mich zum Orgasmus zu bringen, dauerte immer nur wenige Minuten. Aber er kam und kam nicht. Erst wenn er sich von mir löste und die Sache mit der Hand zu Ende brachte, ging es. Besondere Freude schien es ihm zu machen, wenn er seinen samen auf meinen nackten Bauch tropfen sah.

Manchmal, und das wurde bald zur Regel, mußte ich mich mit weit gepreizten Beinen aufs Bett legen. Mit beiden Händen mußte ich meine äußeren Schamlippen packen und so weit wie möglich auseinanderziehen. Er starrte in mich hinein und rieb seinen Penis, bis es ihm kam.

Er ekelte mich an. Am schlimmsten war, daß er in mein langes, dunkles Haar vernarrt zu sein schien. Aber auch das war irgendwie eine Art von Haßliebe. Er liebte mich, er liebte mein Haar und versuchte mich zu erniedrigen, wo immer es ging. Seine Augen leuchteten ekstatisch, wenn er vor mir masturbierte und sich, wenn es ihm kam, keuchend über mich warf. Nicht, um erneut in mich einzudringen, nein, um seinen tropfenden Penis in meinem langen Haar abzuwischen.

Das alles habe ich über ein Jahr ertragen. Nicht zuletzt deshalb, weil ich schon bald nach der Hochzeit schwanger wurde. Meinen anschwellenden Leib fand er scheußlich und aufreizend zugleich. Richtigen Verkehr hatten wir überhaupt nicht mehr. Er stand nur immer vor mir und rieb sein Glied, um mir dann die Tropfen ins Haar und ins Gesicht zu spritzen.

Ich gebar einen Jungen. Ein bildschönes Kind. Er ist auch heute noch mein ganzer Stolz. Denn nach der Scheidung ist er mir geblieben. Ich habe ihn in ein Internat gegeben. Er macht mir Freude.

Die Scheidung - ach ja, das kam so. Nach der Entbindung hatte ich eine längere Aussprache mit Albert. Er offenbarte mir in einer weichen, etwas weinseligen Stunde, daß ihn seine Mutter immer ängstlich vor dem Umgang mit allem weiblichen behütet habe. Was blieb dem armen Kerl übrig, als sich in die Phantastereien eines Masturbierers zu flüchten, aus denen er bald keinen Ausweg mehr fand. Auch ich konnte ihn daraus nicht erlösen.

Ich weiß nicht, wann er Judith begegnet ist. Sie muß die Frau gewesen sein, bei der er endlich fand, was ich ihm aus irgendeinem Grunde und trotz ehrlicher Bemühung nicht geben konnte. Kurzum, er betrog mich nach Strich und Faden. Es dauerte eine Weile, bis ich dahinter kam. Meine Reaktion war kurz und sachlich. Scheidung zu seiner Alleinschuld.

Manchmal ruft er mich noch an und weint sich am Telefon aus. Judith, die er bald danach geheiratet hat, schikaniert ihn. Er tut mir nicht einmal mehr leid.

Die Rückkehr in den Beruf, belastet mit einem damals noch kleinen Kind, absorbierte meine Kräfte vollkommen. Wiederum war ich vom Nabel abwärts wie abgestorben. Männer kotzten mich an. Da war dieses Raunen im Betrieb. Die ist geschieden, die muß es doch nötig haben! Pustekuchen, ich nicht.

Aber ich war allein, so entsetzlich allein. Dabei ging es im Beruf aufwärts. Ich fuhr zu Tagungen und Konferenzen, lernte Männer kennen, die sich um mich bemühten. Zweimal oder dreimal habe ich es mit diesem oder jenem versucht. Verheiratete Männer, natürlich. Ich hatte nette Abende, wurde umworben, mit ins Hotel genommen, erlebte einen mehr oder weniger intensiven Orgasmus - das ging bei mir immer noch sehr schnell - und dann war es wieder für eine Weile aus. Ich war hungrig. Ich suchte nach einer Erfüllung, die mir bisher versagt geblieben war.

Ich fand sie bei Erika.

Kollegin, etwas älter als ich. Ebenfalls geschieden. Hübsch, aber etwas primitiv. Sie blickte zu mir, der im Beruf erfolgreicheren, auf wie zu einer Göttin. Sie richtete ihre Tischzeit nach der meinen. Dann gingen wir zusammen aus. Und landeten eines Abends etwas angeschickert in ihrer Wohnung. Wie es kam und was eigentlich passiert ist, kann ich nicht mehr genau sagen. Wir haben bei ihr zu allem, was wir im Lokal getrunken hatten, noch etwas hinzugefügt. Ich muß ziemlich blau gewesen sein.

Am nächsten Morgen wachte ich in einem fremden Bett auf und hatte eine nackte Frau im Arm. Eben Erika. Nach und nach kehrte die Erinnerung zurück. Wir hatten draußen im Wohnzimmer ihres Appartements auf der Couch gesessen, Türkenblut aus Rotwein und Sekt getrunken und dummes Zeug geschwatzt.

...