Das Motel um 1:00 Uhr

geschrieben am 23.10.1992

Vorwort

Im Alltag lachen ist einfach, wenn man Freunde hat. Im Alltag weinen ist leider zu einfach, weil Trauer das Leben begleitet.

Im Alltag grübeln ist einfacher, als zu lachen, aber nicht immer im Rahmen der Notwendigkeit. Im Alltag ist arbeiten das normale Leben.

Aber das Grauen paßt nicht in den Alltag. Es verstört die Psyche auf gefährliche Weise, es vergrault die Seele mit dem Körper.

Darum ist es meine Aufgabe, das Grauen dorthin zu bringen, wo es am ungefährlichsten durchlebt werden kann...

...in den Kopf zu den Gedanken!

Ich wünsche viel Spaß!

- 1 - Kies!

Sein Schuh verursachte ein paßendes Geräusch. Wenige Schritte nach dem Auto gelangte er zu dem Holzpodest. Er stieg die Stufen hoch und schob das Fliegengitter zur Seite, um einzutreten.

Der Raum war spärlich eingerichtet: ein Tresen, ein flimmernder Fernseher, ein Bild an der Wand und eine benutzte Kaffeetasse.

Dazu ein Tisch, ein Holzstuhl...sonst nichts.

Sein Blick schweifte nochmals umher.

"Hallo!"

Kein Widerhall, keine Antwort. Auf dem Tresen stand ein Pappschild, das er las, ohne es anzufassen. "Komme gleich wieder!" Mit der Hand war noch "Bitte bei freiem Zimmer eintragen" hinzugefügt worden.

An einer Schnur war ein abgegriffener Kugelschreiber befestigt.

Er trug sich ein.

Anschließend verließ er das Zimmer. Den Schlüssel hatte er vom Brett an der Wand. Nummer 11.

Seinen Wagen ließ er stehen, wo er ihn geparkt hatte, nur seine Reisetasche holte er aus dem Kofferraum. Auf dem Weg zum Zimmer knöpfte er die Jacke zu, weil der Wind stärker geworden war. Zu allem Überfluß gab es jede Mengen Fliegen. Er hatte schon einige vom Buch an der Rezeption verscheuchen müssen.

Vom Parkplatz folgte er zwei Stufen auf dem Laufsteg den Zimmern entlang.

Nummer 11 war das vorletzte Zimmer. Er paßierte die ersten Zehn mit fast lautlosen Schritten. In allen brannte Licht, aus allen drang das Stimmenwirrwarr eines Fernsehers. Daneben das Geräusch der Dusche oder der Toilette.

Gelassen wechselte er die Tasche in die linke Hand, um seine Tür aufzuschließen. Ein typischer Motelzimmergeruch, aus dem das Desinfektionsmittel des Bades herausragte, empfing ihn. Sein Gepäck stellte er auf das Bett, bevor er sich das Bad anschaute.

Es war alles sauber, frische Handtücher und Seife lagen auf einer Kommode.

Auszupacken lohnte sich nicht. Deswegen ließ er sich auf das Bett fallen. Gleich neben ihm lag auf der Kommode auf den Handtüchern die Fernbedienung, die wohl zu dem Gerät gleich neben dem Fenster gehörte. Er studierte sie. Drei Tasten waren abgegriffen: die "9", "7" und "5". Vor Urzeiten hatte man scheinbar die Beschriftung mal durch Aufkleber erneuert, wovon jetzt nichts mehr zu sehen war.

Er drückte die "1". Das Gerät brachte sofort den Ton. Ein Nachrichtensprecher redete über Unruhen im Sudan. Schließlich konnte man den Kopf erkennen. Vom Rot ins blasse Lila wandernd, bekam das Bild nun reelle Farben. Sie zeigten Bilder von Auseinandersetzungen, dann blendeten sie um zum Wetter.

Er schaltete um, aber das zweite Programm brachte nur Grieß, das dritte funktionierte überhaupt nicht.

Es blieben ihm nur noch das fünfte, das siebte und das neunte.

Auf dem letzteren lief ein schlechter Porno, der von einem Video zu kommen schien; denn ein Grießstreifen verfolgte die Handlung eisern. Auf dem fünften erkannte er gerade noch einen Film, der "Die Fliege" hieß. Ein alter Film, den er schon im Kino gesehen hatte.

Eine Frau schrie plötzlich laut auf, so daß er den Ton abstellte und lauschte. Doch das Geräusch erstarb in der Stille des Motelzimmers.

Sunny erhob sich. Er hatte das Gerät abgeschaltet, um zum dann zum Fenster zu gehen. Draußen rannte jemand, er konnte die Schritte hören. Als er den Vorhang zur Seite schob, huschte zunächst ein Schatten vorbei, dem ein zweiter, größerer, folgte.

Sunny öffnete die Tür und trat auf den Holzsteg, doch hier war nichts. Wer auch immer gerade vorbeigelaufen war, war nun verschwunden. Einen Moment lang lauschte er noch dem Rauschen eines naheliegenden Kornfeldes und dem Fernseher des Nachbarzimmers, dann schloß er die Tür wieder.

Im Zimmer war es zu hell, er schaltete das Licht aus.

`Sieben', dachte er, als er auf dem Bett lag.

Erneut war der Ton schneller.

Ein Pfeifen in sehr hoher Frequenz, dann kam das Bild. Nichts!

Nur eine schwarze Fläche. Sunny suchte den Helligkeitsregler, wofür es aber zu dunkel war, so daß er das Licht doch wieder anknipsen mußte. Als er den Knopf gefunden hatte, blickte er zurück auf den Fernseher, der immer noch schwarz war, nur schien er sich jetzt zu bewegen!

Als er dann heller stellte, wurde aus dem Schwarz ein Grau. Er bemerkte nun auch, daß sich etwas bewegte. Es waren Tausende von Fliegen!

"So ein Scheiß", brummelte er und ging zum Fernseher. Mit einem der Handtücher schlug er gegen den Bildschirm. Er traf eine Handtuchbreite alle Fliegen...nicht eine von den anderen flog weg. Das einzige, was sich rührte, waren die toten Fliegen, die auf dem Boden landeten. Sunny fuchtelte mit der Hand wild hin und her, aber keine verschwand. Also schaltete er zurück auf das erste Programm. Sofort flogen alle fort und verteilten sich im Zimmer.

"Irre", murmelte er. "Was soll denn das?"

Wieder ein Umschalten auf das siebte, und mit dem Pfeifton kamen auch die Fliegen zurück. Als er erneut den Kanal wechselte, flogen sie alle weg.

"Eine Fliegenseuche...oder was?!"

Sunny schaltete ab und legte die Fernbedienung auf das Bett.

Jetzt wollte er erst einmal zur Rezeption gehen, um zu schauen, ob der Boß endlich da war.

Er wollte fragen, wo er sich überhaupt befand. Und vor allem wollte er wißen, wie er nach Phönix kam. Irgendwo vor einigen Meilen hatten sie die Interstate 90 gesperrt und den Verkehr umgeleitet. Er war gefahren und gefahren, bis er endlich das Motel erreicht hatte. Kein Ort war ihm bekannt gewesen, kein Schild am Straßenrand, kein Auto. Schließlich war es dunkel geworden. Die Nacht durchfahren wollte er nicht - und das Motel war das erste Lebenszeichen nach der Umleitung.

Sunny schritt über den Laufsteg zu dem hellen Zimmer ganz vorne.

Doch durch das Fliegengitter konnte er schon sehen, daß es leer war.

"Hallo?"

Nichts!

Inzwischen war auch das Licht in einigen Zimmern erloschen, nur in den Zimmern 3 und 7 brannte es noch.

Das alles kam ihm seltsam vor. Draußen standen 5 Autos, aber es waren - scheinbar - 10 Zimmer belegt. Keiner an der Rezeption, dann die Frau und ihr Schrei, zum Schluß Schatten an der Tür. Er sollte von hier verschwinden!

Doch Sunny war müde. Er ging zurück mit der festen Absicht, sein Zimmer zu verriegeln. Als er die Räume 3 und 7 paßierte, spielte er mit dem Gedanken, durch den Vorhang zu spähen, verwarf ihn sofort wieder, weil er die Dunkelheit im Nacken spürte.

Zurück im Zimmer packte er nochmals die Straßenkarte aus. Er hatte zwar schon hundert Mal versucht, herauszubekommen, wo er war, hatte jedoch keinen Erfolg gehabt.

Hier war die Interstate 90, dort hatte man die Umleitung gelegt...kurz nach Mercy. Die Straße, die er dann gefahren war, befand sich auch auf dem Plan, sollte aber laut diesem durch Largetown führen zurück auf die Interstate 90. Er war nie in Largetown angekommen! Er war hier gelandet, ungefähr 300 Meilen später. Und Largetown hätte schon nach 10 Meilen kommen müssen.

Wütend stopfte er das verfluchte Ding wieder weg.

Jetzt hatte er auch noch Hunger und Durst. Er legte sich zurück aufs Bett. Gelangweilt schaute er an die Decke, wo er die Bretter zählen und den Geräuschen lauschen konnte.

Der Fernseher ging an. Programm 7!

Sunny hob den Kopf. Das Pfeifen kam und ein Bild. Er sah drei Männer, die eine Frau trugen. Diese Frau war nackt und - so schätzte er - bewußtlos. Nein, Sekunden später konnte er sie lächeln sehen...genau in die Kamera hinein. Sie deutete auf den Kameramann und lachte.

Nun zogen sich die Männer aus. Man löste der Frau die Fesseln, anschließend wurde sie auf ein Bett gelegt. Die Kamera folgte der Szene. Sofort begannen sie mit einigen Sexpraktiken. Sunny schaute einen Moment zu und wechselte dann das Programm. Auf dem ersten lief ein alter Schwarz-Weiß-Film. Ein Mann, den er gut kannte, dessen Namen er jedoch vergessen hatte, folgte einem anderen.

Er vermutete einen Krimi. Auf jeden Fall besser als dieser Porno. Und damit zog er das Kissen höher, um es als Kopfstütze zu benutzen.

Zehn Minuten später war er eingeschlafen.

So merkte er auch nicht, wie die Fliegen auf ihm landeten. Seine Arme waren schon schwarz, als der Fernseher wieder auf 7 sprang.

Die Fliegen flogen sofort zum Bildschirm, um die Szene zu bedecken, die dort vor sich hin flimmerte.

- 2 - 23:10 Uhr!

"Bumm...Bumm!"

Der große Schwarze klopfte auf eine Trommel, zwei dünne Schwarze hatten ihre Messer gezogen und kamen auf ihn zu. Dann...aus dem Nichts...lange, schwarze Beine, die in den Himmel zu ragen schienen. Eine Negerfrau, nackt und wunderschön.

"Bumm...Bumm!"

Der Trommler wurde lauter. Die Frau betrachtete Sunny, blickte an ihm herab und lächelte. Er war an einen Holzstamm gefesselt und wurde sich seiner Erektion bewußt. Langsam näherte sich ihm die Frau, um dann vor ihm in die Hocke zu gehen, wobei sie ihren Blick von seinen Augen, die ihr millimetergenau folgten, nicht abwandte. Sunny vergaß aber auch den Mann mit dem Messer nicht...

"Bumm, bumm, bumm."

...und den Trommler, dessen Schläge energischer und lauter wurden.

Sie lachte ihn an, den Kopf nun auf der richtigen Höhe. Sie öffnete den Mund und schloß ihre Augen. Danach beugte sie sich weiter vor.

"Bumm, bumm, BUMM!"

"Argh!"

Jemand rief laut "Hallo". Die Messerknaben sprangen die Frau an, das "Hallo" wurde kräftiger, was nicht verwunderlich war, weil es von weit her zu kommen schien.

Plötzlich wachte Sunny auf und hörte erneut ein Klopfen.

Bumm, bumm, bumm!

"Hallooo?!"

"Ja?"

Von der Tür her war ein deutliches Aufatmen zu vernehmen.

"Ich dachte, Sie seien tot."

"Wer ist da?"

"Mann, mir gehört der Laden."

Sunny war nun endgültig wach. Der Pfeifton irritierte ihn, und sein Blick wanderte zum Bildschirm, der vollständig mit Fliegen bedeckt war.

"Moment, ich komme."

Scheinbar lief der Porno auf Hochtouren; denn irgend etwas bewegte sich schnell hinter den Fliegen. Sunny öffnete die Tür.

Ein kleiner, dicker Mann, dessen Unterhemd durch Dreck, Blut und Farbe seine ursprüngliche Farbe - weiß? - verloren hatte, grinste ihn an.

"N'abend."

"Ja, danke."

"Seid wann sind Sie da?" Bei dieser Frage schaute er über die Schulter von Sunny. "Und allein, oder?"

"Genau."

"In Ordnung. Macht 20 Dollar die Nacht."

"Einen Augenblick, ich hole nur schnell das Geld."

Sunny taumelte etwas auf dem Weg zur Tasche, wobei ihm der Kleine folgte. Er stank nach Urin.

"Oh, der Fernseher läuft. Können Sie denn bei dem Pfeifton schlafen?"

Sunny drehte sich um. "Was?"

"Na...das Pfeifen!"

"Ach so." Er schaltete den Apparat ab. "Wenn man müde ist, schläft man sogar im Stehen, oder?"

"Sicher, Mann, sicher."

Sunny gab dem Kerl 20 Piepen.

"Wie komme ich nach Phönix?"

"Phönix?" Er dachte nach. "Interstate 90, oder?"

"Ist gesperrt - das hier ist die Umleitung."

Der Kerl hob die Augenbrauen, die viel zu buschig waren und in denen noch undefinierbarer Dreck hing. Sunny war kurz versucht zu denken, daß es sich dabei um Hautfetzen handelte.

"So, ham'se wieder gesperrt. Na ja - ich zeig's Ihnen morgen auf der Karte. Okay?"

Sunny lachte kurz...trocken und falsch.

"'Ne Karte hab ich auch, aber ich..."

"Ich zeig es Ihnen morgen, okay?"

Sunny nickte.

"Haben Sie Hunger?"

"Ja, möglicherweise."

"Im Zimmer 3 essen die. Wenn Sie wollen, kann ich mal fragen."

Sunny zuckte mit den Schultern. "Wenn es keine Umstände macht."

"Gut, sehr gut. Ich sage Ihnen Bescheid...okay?"

"Ja - danke."

Der Kerl war schon wieder fast draußen.

"Äh...wenn Sie das Siebte gucken wollen, der Ton ist kaputt.

Schalten Sie ihn doch einfach ab, dann verschwinden auch die Fliegen!"

"Ah...gut. Aber ich steh nicht so drauf."

Der Dicke lächelte. "Auf was? Auf Pornos?"

"Ja."

"Das ist live, Mann, nix Studio."

"So?"

"Ja. Sie drehen gerade im Zimmer 7. Sind Freunde von mir."

"Aha."

"Okay, ich sag Ihnen Bescheid."

"Wunderbar."

Damit ging er.

Sunny schloß die Tür ab und schritt zum Fernseher, den er einschaltete und das Siebte auswählte. Der Ton kam, wonach sich sofort Fliegen auf der Bildfläche tummelten...noch bevor das Bild zu sehen war. Sunny suchte den Lautstärkeregler und stellte ihn auf "0". Und im Nu verschwanden die Fliegen, so daß er das ganze Bild sehen konnte.

Gerade verstellten sie die Kamera. Im Augenblick zeigte sie noch eine dunkle Ecke. Man wechselte, und das Bett war zu sehen, auf dem zwei Männer lagen. Sie hatten Messer mit 20cm langen Klingen, mit denen sie sich von den Schamhaaren Büschel abschnitten. Dabei lachten sie, einer der beiden trank von einer Flasche Schnaps. Plötzlich huschte eine Frau ins Bild, die zu einem der Männer aufs Bett kletterte.

"Gott", murmelte Sunny und schaltete ab. Er mußte auf die Toilette.

Gerade als er die Spülung betätigte, hörte er es wieder an seiner Tür klopfen.

"Ist Hähnchen okay?" kam es gedämpft.

"Ja, sicher."

Sunny schloß auf und ging nach draußen.

"Ich hab die drüben im Ofen gemacht. War deswegen nicht da, verstehen Sie?"

"Hm...", nickte Sunny.

Sie kamen an der 7 vorbei. Jetzt war der Drang, durch den Vorhang zu blicken, enorm groß, aber er folgte dem stinkenden Typ, der an der 3 klopfte.

"Henry?"

"Hä?"

"Hier ist...wie heißen Sie eigentlich?"

"Sunny!"

"Sunny. Der aus der 11. Hat auch Hunger!"

"Ist offen - soll reinkommen. Kann nicht aufmachen, hab im Moment fettige Finger. Also...guten!"

Sunny dankte und trat ein.

Das Zimmer war genau wie seins eingerichtet. Sie waren auf dem Bett...Henry und eine Frau, die jünger als Henry war.

"Hallo?" fragte Sunny.

"Hallo - ich bin Henry!" Der alte Mann stand auf, um ihn mit dem rechten Ellenbogen zu begrüßen. "Sie verstehen."

"Klar...Sunny."

"Das ist Sarah."

"Hallo, Sunny."

Sie war so um die 40. Dürr, flach, eingefallene Augen, mit einem seltsam interessanten Ausdruck im Gesicht.

"Setzen Sie sich. Wir dachten, wir stärken uns noch davor."

"Ah." Sunny fand noch Platz am Fußende des Bettes.

"Brust oder Flügel?"

"Brust...wenn es geht."

"Klaro."

Sunny bekam von Henry den gewünschten Teil des Hähnchens. Er bedankte sich und begann zu essen.

"Wollen Sie was trinken? Hab aber nur Starkbier da."

"Ist okay. Wenn's nichts ausmacht?"

"Mann, nein", sagte nun Sarah. "Trink nur!"

Sunny schaute sie an, wobei sie ihm ein Lächeln schenkte und sich mit der Zunge viel zu langsam über die Lippen fuhr.

Henry reichte ihm eine geöffnete Flasche.

Eine halbe Stunde und drei Flaschen Bier später, es mußte kurz vor Mitternacht sein, war Sunny benebelt. Das Bier war ihm sehr schnell zu Kopf gestiegen.

Alle Hähnchen waren verputzt worden, und Henry, der anscheinend auch betrunken war, räumte taumelnd den Müll vom Bett. Sie hatten beim Essen ganz normal geplaudert: woher wer warum kam, was man so machte...

Sunny nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche.

"Vorhin", begann er, "sagten Sie `davor'. Was wollen Sie denn noch machen?"

Henry lachte und grabschte Sarah an die flache Brust.

"Fun, Mann, Fun."

"Yeah...", stimmte sie zu und trank einen Schluck Bier.

"Fun?" fragte jetzt Sunny.

"Drüben ist doch ein Porno am Laufen. Mann, die haben sogar in der Zeitung inseriert. Bringt 300 Dollar ein."

Sunny nickte und begriff erst Augenblicke später.

"Äh...mitmachen, oder?"

"100 Punkte, Champion." Sarah leckte ihre Lippen.

"Aber seid Ihr nicht ein Paar?" wollte Sunny wißen.

"Oh, Du meinst, weil da noch Typen sind? Die sollen sie ruhig bumsen. Steht doch in der Bibel", lallte Henry weiter, "daß man alles teilen soll."

Sunny lachte - er war besoffen - alle drei waren das.

"Das heißt, ich könnte sie auch...oder was?"

"Klar, Mann, für...sagen wir 150. Oder Du gehst mit!"

"Nein...ich, ich hab 'ne..."

"Vergiß sie, die ist doch in Phy...Phynix oder so." lallte Henry.

"Aber ich will sie nicht..."

"Oh, betrügen?" Sarah lachte. "Und wenn schon. Ich wette, sie nimmt IHN nicht mal in den Mund!"

"Was?" Sunny war ein wenig schockiert. Diese Fliegen nervten.

"Ich mache das!" fügte Sarah hinzu.

"Ja...und gut, Mann!" warf Henry dazwischen.

"Er kommt immer - wenn ich es will."

"Aber ich..."

Henry klopfte ihm auf die Schulter, von der einige Fliegen hochschreckten.

"Gut, guck zu!"

Sunny sah sie abwechselnd an. Henry, auf dem auch Fliegen hockten, und Sarah, die wieder trank. Überall Fliegen, nichts als Fliegen!

"Komm schon. Macht Spaß."

Sunny versuchte, seinen Kopf klarzubekommen, aber der Nebel schien sich eher zu verdichten, als sich aufzulösen.

"Sieh es als Bezahlung fürs Essen."

Sunny lachte plötzlich und meinte: "Okay, gucken...mehr nicht!"

"Das werden wir ja noch sehen."

Henry wiederholte den Schlag auf die Schulter.

"Dann laß uns rübergehen. Ist doch Mitternacht durch, oder?"

Sarah nickte.

Sie erhoben sich, wobei sie Sunny etwas halfen.

"Du wirst sehen - ist 'ne nette Sache."

"Und bringt Geld", fügte Sarah hinzu.

Sunny grinste, während die beiden ihn durch die Tür schoben.

Ein Schwarm Fliegen folgten ihnen!

- 3 - 0:19 Uhr!

Henry klopfte.

Ein Mann, den Sunny nicht auf dem Video gesehen hatte, machte auf.

"Ah, kommt gerade recht. Oh, wer ist den das?"

"Sunny." Henry schob ihn vor. "Will mal gucken."

Der schlange, smarte Mann hatte nur noch Hosen an, eine Zigarette im Mundwinkel, etwas verschwitzte Haare und pechschwarze Augen. Er schüttelte Sunny die Hand.

"Soll mir recht sein. Und Ihr...alles klar?"

"Wenn die Kohle stimmt, Mann, sicher!"

Der Smarte lächelte und zog aus der Seitentasche drei Scheine.

"Okay?"

Henry zählte nicht nach, sondern steckte sie sofort weg. "Alles klar."

"Gut. Äh, Sunny, setz Dich doch da hin."

Das Zimmer war wie alle anderen auch. Sunny nahm den Stuhl am Fenster und ließ sich darauf nieder. Er war froh, sitzen zu können, weil sich alles um ihn herum drehte. Er wollte noch fragen, wo die beiden anderen mit den Messern waren und die Frau. Er wollte auch wißen, ob die Frau diejenige gewesen war, die vor ein paar Stunden so geschrien hatte. Und er wollte fragen, ob er kotzen durfte. Aber er sagte nichts, sondern setzte sich nur hin.

Der Smarte, dessen Name Fly war, begann, das Licht einzustellen.

Als das Scheinwerferlicht über den Boden huschte, bemerkte Sunny dort Blutflecken. Alte und solche, die noch frisch waren!

`Gerade richtig', schoß es ihm durch den Kopf.

Sarah zog sich aus, Henry tat es ihr nach, so daß sie bald zusammen auf dem Bett lagen.

Die Kamera lief, Fly gab Anweisungen. Sunny versuchte wachzubleiben, hatte jedoch unheimlich schwere Augenlider. Nur mühsam schaffte er es, der Handlung zu folgen. Irgendwann schreckte er hoch, als Sarah vernehmlicher stöhnte, nickte aber kurz danach wieder ein.

Fly hatte die Kamerastellung verändert, Licht traf Sunny für einen Moment, erneut öffnete er die Augen und sah, daß Sarah jetzt auf Henry ritt. Ihm war schlecht, er wollte raus, schaffte es trotz aller Anstrengung nicht, aufzustehen, bis er sah, warum das der Fall war. Man hatte ihm die Hände an die Lehne gebunden!

Sunny verstand es noch nicht. Er war dafür auch zu müde. Erneut dämmerte er weg.

Ein Schrei riß ihn aus einem Wirrwarr von Träumen.

Sarah hatte sich erschreckt. Die zwei Männer waren reingekommen.

Nackt und mit naßen Haaren, als wenn sie geduscht hätten. Sie kniete nun vor Henry, der mit verzerrtem Gesicht heftige Bewegungen vollzog. Aber sie ließen sich nicht stören, sondern hoben Sunny, nachdem sie ihn losgemacht hatten, vom Stuhl hoch.

Seine schwache Gegenwehr verpuffte wirkungslos an den muskulösen Armen der Männer.

Sunny war noch immer betrunken. Als sie ihn hochzogen, konnte er auf die Uhr blicken. Es war 0:45 Uhr.

Der Stuhl wurde weggeschoben, und man band ihn wieder an etwas fest, nur dieses Mal im Stehen. Sunny warf seinen Kopf herum...es war ein Marterpfahl! Während er sich träge zurückwandte, zogen sie ihm die Hose samt Unterwäsche aus.

Schnell waren auch seine Beine an den Pfahl gefesselt.

Sunny fing Sarahs Blick auf. Sie lachte ihn an, während Henry weiterhin stoßartige Bewegungen machte. Fly gab immer noch Anweisungen.

Jetzt gingen die Männer wieder. Sunny versuchte, sich zu bewegen, doch hatte er überhaupt keinen Spielraum dafür. Die Seile schnitten schon ins Fleisch.

Er hatte kaum eine Wahl, er folgte dem Geschehen mit träger Aufmerksamkeit. Henry schien bald sein Ende zu erreichen, er wurde unkontrollierter, stöhnte fast krankhaft, während Sarah ihn mit obszönen Ausdrücken anfeuerte. Fly hielt jetzt die Kamera in der Hand und hechtete um die beiden herum, legte sich sogar fast mit aufs Bett. Endlich erreichte Henry seinen Höhepunkt, wobei er einen röchelnden Schrei von sich gab.

Sarah untermalte die Szene mit ihrer Stimme, und im nächsten Augenblick ihrer Ekstase brach Henry über ihr erschöpft zusammen. Er wälzte sich zur Seite.

Fly klatschte in die Hände, nur Sunny blieb teilnahmslos. Er wollte bloß kotzen, brachte es aber nicht fertig.

Hier waren keine Fliegen! Warum?

Die Frage huschte unentwegt durch sein Gehirn.

Sarah hatte sich erhoben, als die Männer von vorhin wieder eintraten. Sie gingen auf Henry zu, den sie nach draußen trugen.

"Hey, was habt Ihr vor?"

Fly mischte sich schnell ein. "Der ist fertig. Wie wär's mit Sunny?"

Sarahs Augen waren hell und glasig. "Oh ja!"

Es war, als stünde sie unter Drogen. Und Sunny, der seinen Kopf nicht klarbekam, hatte so seine Zweifel, ob das Bier der Alleinschuldige war. Schließlich waren es nur drei Flaschen gewesen.

"Aber nicht hier, Baby...draußen!"

"Und Sunny?"

Die Männer kamen zurück und trugen den am Pfahl gebundenen Sunny aus dem Zimmer hinter das Motel. Davon kriegte Sunny so gut wie nichts mit. Auf dem Weg dorthin erbrach er das Hähnchen auf den Holzsteg. Sarah folgte Fly und der Kamera.

Es war kurz vor 1:00 Uhr!

Ein langer Schrei ließ Sarah zusammenzucken. "Henry?!"

"Ist gestolpert. Komm weiter...es wird knapp."

"Was..."

"Weiter", herrschte Fly sie an, so daß sie ihm - nackt und leicht fröstelnd - folgte.

- 4 - 1:00 Uhr...fast!

Sie steckten den Pfahl in ein Loch im Boden, jemand trommelte.

Sarah war kurz vor Sunny. Als er wieder zur Besinnung kam, kroch sie auf allen vieren. Ein rotes Licht fand von irgendwoher seinen Weg auf die Szenerie.

Der kleine, dreckige Dicke trommelte!

Fly konnte Sunny nicht entdecken, sondern hörte bloß dessen Anweisungen, denen Sarah folgte.

Jetzt erinnerte Sunny sich. Das Licht wurde greller, irgendwie schien alles in seinem Blickfeld zu bluten. Er war völlig nackt; denn sein Hemd war ihm vom Leib geschnitten worden. Sarah roch immer näher auf ihn zu. Ihre Augen fingen seinen Blick ein. Sie lachte, war aber nicht richtig bei Sinnen, sondern redete bloß wirres Zeug. Musik, eine Art Gesang, setzte plötzlich ein.

Sunny riß den Blick von der Frau vor ihm los. Hinter ihr konnte er Bewegungen ausmachen. Erneut die beiden Männer, die riesige Blätter um die Beine und ihre Genitalien gebunden hatten. Sie trugen etwas. Jeder von ihnen trug einen Sack zwischen den Händen, die sie zu einem Podest schleppten. Dort angelangt, leerten sie sie.

Die kopflose Leiche eines Mannes lag bald darauf auf der Fläche!

Sunny öffnete seinen Mund, brachte jedoch keinen Ton über die Lippen.

Sarah lachte und steuerte dabei weiterhin auf Sunny zu.

"Ich werd's Dir besorgen. Paß auf!" lallte sie unkontrolliert.

Sie stand eindeutig unter Drogeneinfluß. Bei ihm war es nicht anders.

Die Leiche wurde aufgerichtet. Aus dem anderen Sack wurde die Leiche einer Frau herausgeholt, von der Sunny annahm, daß es die Frau war, die er im Fernseher gesehen hatte.

Ein Schrei baute sich in Sunnys Hals auf, während Sarah immer noch auf ihn zukrabbelte.

Die Männer hatten auch die Frau aufgerichtet und zogen - wie aus dem Nichts - Messer. Sie gingen von hinten auf Sarah zu. Ihre Gesichter leuchteten rot, ihr Lachen war offen und breit.

Plötzlich kamen sie, von überall, von oben, rechts, links, an Sunny vorbei zu den Männern. Sie ließen sich auf ihnen nieder, so daß die beiden im Nu voller Fliegen waren, wodurch eine zweite, schwarze Haut entstand, die sich am Körper der Männer hin und her bewegte.

Auch der dicke, dreckige, trommelnde Mann war schwarz, und sein Blick strahlte Wahnsinn aus.

Sunny drehte den Kopf. Sarah hatte ihn endlich erreicht und den Mund weit geöffnet, was er sich nicht ansehen wollte. Nun tauchte auch Fly wieder auf, der vorwärts zum Podest wankte.

Sarah, deren Augen geschlossen waren, hatte ihren Mund um das abartig steife Glied von Sunny gelegt, während sich die Messer der Männer im gleichen Moment in die Seiten der Frau bohrten.

Sunny spürte die Wärme ihres Mundes, dann ihre Zähne, die sie vor Schmerz zusammenbiß.

Er konnte jetzt Fly im roten Licht sehen. Sein Mund war weit offen, so daß aus ihm ein gewaltiger Strom von lebenden Fliegen kommen konnte. Es waren Unmengen, ein Strom, der nie zu versiegen schien. Sie verdunkelten das Licht, wodurch die Szenerie in eine seltsame Dunkelheit getaucht wurde.

Es war aber nicht genug, um nicht zu erkennen, wie Sarah sich aufbäumte, während Blut über ihre Lippen, den Bauch und die Beine floß. Zwei Messer saßen schafttief in ihr. Sie fiel zurück und war sofort von Millionen Fliegen übersät. Ihr Körper verschwand im wuselnden Schwarz.

Sunny vergewaltigte seine Augen mit den folgenden Ereignissen.

Fly, der auf die Knie gesunken war, kippte vollends um. Es kamen keine Fliegen mehr, aber Blut, schwarzes Blut, blubberte aus seinen Ohren und der Nase. Diese Maße formte sich auf dem Boden zu einer Säule aus Flüssigkeit und Dreck.

Auch die beiden Männer lagen auf dem Rücken, zuckten und vergossen dieses schwarze Blut. All das bewegte sich zu der Säule, die sich in ständiger Umwandlung befand.

Sunny wollte, konnte jedoch nicht schreien. Er konnte nur den Blick hin und her werfen. Zu Sarah, die jetzt auch Blut spuckte, in das die Fliegen sprangen, um gemeinsam zur Säule zu wandern.

Aus den Halswunden der Leichen am Podest quoll ebenfalls diese Masse. Alles sammelte sich!

Das Trommeln blieb stetig im gleichen Rhythmus, der Gesang in der gleichen Tonlage.

Sunny verspürte Schmerzen im Lendenbereich. Es war aber ein Schmerz, der lächerlich war gegenüber dem, der nun folgen sollte.

Die Maße, die schwarze Flüssigkeit, wanderte auf das Podest zu und bestieg es, wo sich mit der 4 Meter hohen und 2 Meter breiten Säule Millionen Fliegen verbanden.

"BUMM, BUMM, BUMM!!!"

Die Säule verwandelte sich, während Sunny schon vorher das Bild formte.

Erst bildete sich ein gigantischer Körper, getragen von den Fliegen und diesem schwarzen Blut, dann formten sich Beine, dünn und haarig, aus dem Rumpf. Flügel wuchsen, scheinbar von Geisterhand, oben drauf. Es folgten Fühler und riesige Faccettenaugen. Um Punkt 1:00 Uhr war das Werk vollendet. Vor Sunnys nutzlosem Körper stand auf einem Podest eine gewaltige Fliege mit lebendem, sich veränderndem Körper. Ihre Augen nahmen Sunny ins Visier, was dessen Augen aber nicht mehr sehen konnten.

Sunny hatte einen verzerrten Gesichtsausdruck...und einen toten!

Sein Blick war entrückt und leer.

Die gigantische Fliege öffnete ihr Maul. Ein sehr großer Rüssel formte sich heraus Richtung Sunny. Mühelos löste es dessen Körper vom Pfahl und zog ihn zu sich hin. Als er vor ihr lag, kotzte sie eine grelle Flüssigkeit auf ihn, so daß sich das menschliche Fleisch blubbernd auflöste. Bevor es aber im Boden versickern konnte, saugte die Fliege es auf.

Ihr Körper zuckte, schüttelte sich, während ihr Maul sich zu einem kraftvollen Brüllen öffnete. Einen Moment lang war es lauter als das Trommeln, lauter als das Singen, und erstarb so schnell, wie es gekommen war.

Das rote Licht schien weiterhin und tauchte die Szene in ein grausiges Rot.

Eine Rückbildung geschah - schneller als die Entstehung des Monsters. Das schwarze Blut schwappte über den Boden in Richtung von Milliarden von Fliegen, die das rote Licht für kurze Zeit verschwinden ließen.

Nach wenigen Minuten war das Podest leer!

Eine unheimliche Stille begleitete den Mann an der Trommel, dessen letzten Schlägen verhallten.

- 5 - Irgendein Tag.

"Eine Umleitung?"

"Ja, mitten auf der Interstate 90."

"Die bauen wohl immer, was?"

"Ja...Sie haben wohl recht. Und? Wie ist es?"

"Natürlich haben wir ein Zimmer. Gemeinsam oder getrennt?"

Der Mann blickte die Frau an.

"Getrennt? Nein, zusammen."

"Gut - hier ist Nummer 11."

"Danke."

"Äh?"

"Ja?"

"Haben Sie Hunger?"

"Und ob!"

"Fein. Die im Zimmer 3 haben was. Wenn Sie wollen, sag ich denen Bescheid."

"Wunderbar, machen Sie das. Und...danke."

"Oh, das macht doch nichts. Und morgen zeig ich Ihnen auf der Karte, wie Sie zur Interstate 90 gelangen."

"Nochmals danke."

"Bitte."

Es war 22:30 Uhr!

Anmerkung vom Autor.

Wenn Ihnen die Geschichte gefallen hat oder sie einen Fehler gefunden haben oder etwas Kritik üben wollen dan tun sie das. Ich fraue mich immer über Post, egal wie sie ausfällt.

Michael Schröder Oberhaide 18 6719 Hettenleidelheim

06351/45151

Über den Autor:

Michael Schröder wurde am 08.09.66 in Grünstadt an der Weinstraße geboren. Seine Eltern, einfache Leute, zogen ihn groß um ihn zielsicher mit einer mittleren Reife in die Lehre als Radio Fernseh Techniker zu schicken.

1987 im Sommer hat er es dann zu ersten Mal gewagt und einige kleineren Geschichten geschrieben.Diese fanden zuerst Anklang bei seinem langjährigen Freund Michael Stanilaus und seiner damaligen Freundin Anette. Etwas ermuntert schrieb er weiter und so entstanden unteranderem diese und noch weiter Geschichten.

Man kann die Richtung des Inhalts nicht direkt unter dem Großbegriff Horror zusammenfassen, doch läßt sich sagen,daß in allen Geschichten das unwirkliche und unwarscheinliche an den Tag gelegt wird. So versuchen diese auch den leser zu animieren, sich Gedanken zu machen über Dinge die da geschehn sein könnten, aber deren Inhalt fast immer einen Schrecken hervorheben, wesswegen man schlaflose Nächte haben könnte. Selten spielen helden die Rolle und selten findet ein Happyend die Zuneigung des Lesers, doch er wird wenigsten eine Grenze des Lebens überschritten.

Zur Zeit arbeitet Michael an einer Reihe Kurzgeschichten und unteranderem an einem Buch, welches bis 1995 fertiggestellt sein soll und bisher seine eigenen Grenzen durchbrechen soll - sprich 300 maschinenbeschrieben Seiten lang sein soll.